Sicher kennen sie diese Situation auch, es soll ein schöner Abend werden in einem von den Restaurantführern hochgelobten Lokal. Die Speisekarte verspricht feinsten Gourmet Genuss. Neben der Speiskarte bekommen sie eine weitere Karte, die Weinkarte – ein Nachschlagewerk im Dudenformat, so groß und so schwer wie ein Weltatlas. Ein Gast, meistens, der der sich am besten mit Weinen auskennt oder der Gastgeber bekommt den Auftrag sich jetzt mit diesem Machwerk von Weinanbauländern, Regionen und Rebsorten und Cuvées auseinanderzusetzen. Überforderung pur, ich denke, das wissen die Restaurantbetreiber und senden wie von Geisterhand einen Sommelier herbei, um Wein zu verkaufen und mit gekonnten Worten den Gast in seine tolle Weinwelt einzuführen. Eigentlich wollte jeder am Tisch etwas feines Essen und einen dazu passenden Wein genießen.

Muss das so sein?

Nein, aus meiner Sicht sind die großen Weinkarten out. Ein Sommelier sollte sich nicht als Herrgott des Weines aufspielen und die Gäste bevormunden.

Ich empfehle, statt großer Weinbücher, eine überschaubare gut gemachte Weinkarte auszuarbeiten, die zum Probieren einlädt. Jeder Gast freut sich, wenn er wieder mal etwas Neues entdecken kann, je nach Saison oder Vorlieben der Gäste.

Haben Sie sich einmal Gedanken gemacht, was einen guten Sommelier ausmacht? Er sollte mehr zuhören als reden. Die Gäste wollten nicht gegängelt, sondern nach ihren Wünschen und Vorlieben gefragt werden. So wäre es von Vorteil, wenn der Sommelier neben profunden Weinkenntnissen auch ein psychologisches Einfühlungsvermögen besitzen würde.

Die wichtigste Weinregel heißt heute: „Man muss sich nicht an Dogmen halten“. Sie wollen zum Fisch einen leichten Rotwein, dann bestellen Sie ihn einfach, es geht doch vor allem darum, dass sie Spaß am Weintrinken zu haben.

Der Weinkenner Michael Landrock sagt: Entscheidend seien deshalb nicht große Namen oder teure Preise, sondern es komme allein auf die Emotion an – also darauf, den richtigen Wein am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu genießen. Mit netten Menschen reden, ein gutes Essen, sich dabei entspannen und ein gutes Glas Wein – das ist wahre Weingenuss.

Auf die schweren, alkoholreichen Status-Weine, wie sie seit Jahren von Weinkritikern propagiert werden sind aus Sicht des Schreibers out. „Der Trend“, sagt Landrock, geht zu frischen, fruchtigen, eleganten und finessenreichen Weinen.

Vollmundige Barrique-Weine sind ein wenig aus der Mode gekommen, dies beweisen auch die Verkaufszahlen der cru.de, die vornehmlich an Endverbraucher verkauft. „Wir haben festgestellt, dass die holzlastigen Barrique-Weine nicht mehr so in Mode sind. Deutsche Weine sind gefragt“, beschreibt Landrock den aktuellen Zeitgeist, wenn- gleich er einräumt, dass die Weinhändler nach wie vor mit den umstrittenen Punkten und Auszeichnungen der Weinbranche werben würden.

Landrock ist jedoch überzeugt davon, dass sich der Weingeschmack geändert hat; „In den 80 – 90er Jahren erlebten wir eine kulturelle Revolution im Weinbau mit einem riesigen Qualitätssprung, die 2000er Jahre waren geprägt von den teuren Angeber-Weinen, und heute verlangen die Weinfreunde mehr nach leichten frischen Weinen. Bei einer Probe hörte ich das Wort „Trinkigkeit“, was treffend das bezeichnet, was der heutige Weintrinker gerne sucht.

Riesling sind zwar die Krönung des Deutschen Weinbau, allerdings haben sich in den letzten Jahren Weißburgunder und Sauvignon Blanc aus der Pfalz, Silvaner aus Franken und Rheinhessen oder Grauburgunder aus Baden einen Platz am Restauranttisch überlassen. Die Pinot Noirs, also Spätburgunder, werden heute von den jungen Winzern ganz anders und feiner ausgebaut, wie der alte Ausbaustil der 90er Jahre. So ändert sich die Weingenusslandschaft im Laufe der Jahre.

Ihr Cru Weinfreund

Michael Landrock